Steht die Marke über Allem?

In der vergangenen Woche war es mal wieder so weit: Das jährliche deutsche Branchentreffen der „Informationsarchitekten“ … auch Konzepter, UX Designer oder wie auch immer genannt. Dieses Jahr war das Motto der IA Konferenz in Berlin „Brand Experience“. Zu Beginn der diversen Talks vermisste ich ein wenig die Marke als Thema. Natürlich erschien pflichtbewusst das Wort Marke in jedem Vortrag, allerdings war das, was ich als Zentrum der Diskussionen erwartet hatte, erst in späteren Sessions das Thema: „Wie schaffen wir es, dass der Nutzer wirklich eine Marke erlebt, wenn er die von uns gestalteten und konzipierten Produkte nutzt?“
Meine anfängliche Skepsis wurde dann aber weggewischt von vielen spannenden Vorträgen, die selten konkrete Antworten gaben, sondern eher zum Nachdenken und sich selbst reflektieren einluden. An dieser Stelle noch einmal mein Dank an das Team der IAKonferenz und die fleißigen Vortragenden.

Fragen wir uns doch einmal selbst:
Wie oft verspüren wir auf unserem alltäglichen Weg durch (vor Allem) die digitale Welt ein wirkliches „Woah“ und verbinden dies mit der gegenwärtigen Marke? Ich finde, sogar Apple ist mittlerweile zu einer Selbstverständlichkeit geworden, priesen wir doch noch vor einigen Jahren das unvergleichliche Markenerlebnis bei der Bedienung der Produkte und Plattformen. Natürlich ist das Erlebnis immer noch rund und geschmeidig, aber reißt es uns tatsächlich noch vom Hocker, wenn wir Abends das Apple TV starten und uns einen Film ausleihen?

Zugegeben: Das ist schon Jammern auf hohem Niveau.
Aber jetzt mal aus der Sicht eines Menschen, der täglich damit beschäftigt ist, die digitale Welt zu erweitern oder zu erneuern – Zumindest ein winziges Teil davon … Haben wir wirklich bei jedem kleinen Projekt den Hintergedanken, dass später der Nutzer ein kleines Highlight seines Tages erlebt, wenn er unser Produkt erfährt? Dass wir dafür sorgen, dass die damit verbundene Marke in seinen Augen eine Aufwertung erfährt? Sind wir nicht viel zu oft im Alltag gefangen, versuchen Timings zu halten, technische Hürden zu nehmen, unterschiedliche Wünsche von Stakeholdern zu erfüllen? Ich fürchte ja.

Und das ist echt schlimm.
Denn dadurch verlieren wir sowohl Enthusiasmus für unsere Arbeit als auch das Gefühl, am Ende des Tages etwas Tolles getan zu haben. Deshalb befinde ich mich seit der Konferenz wieder verstärkt auf der Suche. Auf der Suche nach dem Enthusiasmus, den ich mir eigentlich immer auf die eigene Fahne geschrieben habe. Auf der Suche nach dem Ansatzpunkt im alltäglichen Projekt-Wahnsinn. Auf der Suche nach Gleichgesinnten. Auf der Suche nach dem Argument, das meinen Kunden und auch meine Kollegen überzeugt, dass wir mal wieder etwas Herausragendes machen sollten. Dass es dadurch vielleicht ein paar mal mehr einen Schritt zurück und einen Neuanfang braucht. Dass wir vielleicht doch ein wenig mehr Zeit und Arbeit investieren sollten. Dass wir am Ende aber neue Begeisterung entfachen werden. Und dass es das wert gewesen sein wird. Für unsere Nutzer. Für die berühmten Stakeholder. Für unseren Kunden. Für unser Sebstbewusstsein. Für mich.

Lasst uns doch wieder Wow-Effekte produzieren. Und lasst uns dafür verstehen, was die Marke eigentlich darstellt, für die wir gerade schuften. Nur so können wir ihr wirklich einen guten Dienst erweisen.